Wenn man der geballten Social-Media-Expertise glauben darf, ist das neue God of War Laufey jetzt schon ein riesiger Flop.
Okay. God of War bekommt eine weibliche Hauptfigur. Na und? Wo genau ist das Problem?
Immer wenn Game- und Story-Designer eine Entscheidung für ihr Spiel treffen, gibt es Empörung auf Social Media. Manchmal ist sie nach ein paar Tagen verpufft und niemanden interessiert es mehr, manchmal zieht sie sich über Wochen, wenn nicht Monate.
Und genau so läuft es gerade bei God of War Laufey, dem neuesten Titel der Reihe, der erst letzte Woche mit einem Gameplay-Trailer angekündigt wurde.
Worüber sich das Netz diesmal aufregt? Eine Frau - Faye, die Ehefrau von Kratos - übernimmt die Hauptrolle. Wir begleiten sie auf ihrer Reise durch das Jenseits. Ach ja, und einen der lautesten Vorwürfe hätte ich fast vergessen: Sie sei hässlich und sehe nicht aus wie ein 20-jähriges Supermodel frisch vom Laufsteg.
Tja - versucht ihr mal, nach eurem Tod noch gut auszusehen. Das hier ist nicht Stellar Blade und auch nicht Bayonetta.
Ich verstehe den Frust - ein Stück weit
Aber mal kurz im Ernst: Ich kann das Gefühl absolut nachvollziehen, wenn man eine Reihe seit Ewigkeiten spielt und das Studio plötzlich Hauptfigur oder Setting austauscht. Das kann verwirrend sein und ist erstmal nicht das, worauf man jahrelang gewartet hat.
Mir selbst ging es ähnlich, als Nintendo Tears of the Kingdom angekündigt hat. Statt eines lineareren, Dungeon-fokussierten Nachfolgers zu Breath of the Wild gab es im Grunde dasselbe Spiel nochmal - nur mit noch mehr Crafting. Fürs Protokoll: Ich habe vier Stunden darin verbracht und es danach nie wieder angefasst.
Ich erzähle das nur, damit klar ist: Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Lieblingsreihe einen harten Kurswechsel hinlegt. Aber zurück zu God of War.
Warum Faye als Protagonistin völlig logisch ist
Die Serie lebt von Mythologie. Kratos als großer, wütender Dad, der seine Gegner in den Boden stampft, während er versucht, Atreus großzuziehen und ihm den Sinn des Lebens zu zeigen - das war das Herz der letzten beiden Spiele. Aber Faye und ihr Tod waren essenziell für genau diese Vater-Sohn-Geschichte. Ihr Ableben ist es, was die ganze Story 2018 überhaupt erst ins Rollen gebracht hat.
Ich behaupte jetzt nicht, dass Faye „in Wahrheit die ganze Zeit alle Fäden gezogen hat". Dem Trailer nach war sie im Jenseits eher mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt.
Und in dieser mythologischen Welt fühlt es sich vollkommen schlüssig an, einer mächtigen Jötunn-Kriegerin auf ihrer unterbrochenen Reise nach dem Tod zu folgen.
Das heißt übrigens auch nicht, dass Kratos nie wieder zurückkommt. Eine neue Ecke der Saga zu erkunden gibt den Entwicklern Luft zum Atmen und Raum für andere Geschichten. Es hält die Reihe frisch und kann spannende neue Perspektiven für künftige Titel eröffnen. Wer weiß — vielleicht dockt Fayes Geschichte direkt am nächsten Hauptteil an und wir bekommen eine Art magisches Wiedersehen.
Wir reden hier immerhin von Göttern und Magie. Möglich ist alles.
Frischer Kampfstil statt Copy & Paste
Was mich wirklich reizt, ist das Potenzial für einen neuen Kampfstil. Nach zwei Spielen mit Kratos' brachialer, wuchtiger Spielweise wirkt Faye agiler, vielleicht etwas magischer und taktischer - mit dieser goldenen Hand und ihren eigenen Waffen.
Dieser andere Spielfluss könnte richtig erfrischend sein und sich trotzdem nach God of War anfühlen. Und es ist gut möglich, dass der neue Stil sogar neue Spieler in die Reihe holt.
An einer Stelle gebe ich den Kritikern allerdings recht: Es gibt einen Punkt, der wirklich etwas albern wirkt. Ein sprechender Wackelpudding-Würfel namens Phranque? Und sprechende Bänder an einem Schwert?
Das ist auch für mich absolut schräg, und ich verstehe jeden, der da die Augenbraue hochzieht wie Mr. Spock.
Ich hoffe wirklich, dass ernste Kämpfe nicht in billigen Slapstick-Momenten enden.
Die „Hässlich"-Debatte
Und damit zur großen Aussehens-Debatte. Leute, ganz ehrlich. Sie ist eine ältere Kriegerin, die buchstäblich gestorben ist - und der „Beweis", der ständig herumgereicht wird, ist ein einziges Standbild, in dem sie gerade im Jenseits aufwacht und noch unter Schock steht.
Das ist Sekunden, nachdem sie die Augen aufgerissen hat und nach Luft schnappt.
Sie deshalb pauschal als hässlich abzustempeln, finde ich unfair. „Heiß" würde ich sie nicht nennen, aber durchaus ansehnlich. Man sollte aufhören, dieses eine Standbild mit jahrealten, durchretuschierten Red-Carpet-Fotos der Schauspielerin in vollem Make-up zu vergleichen.
Aber vielleicht bin ich auch einfach zu alt, um das zu verstehen. Wer weiß.
Das Design passt jedenfalls zur geerdeten nordischen Ästhetik, die die Reihe eingeschlagen hat.
Durchatmen - da steckt Potenzial drin
Die Leute sollten mal einen Gang runterschalten. Das hier könnte ein richtig interessantes Spiel werden und absolut neue Spieler anziehen. Das Jenseits-Setting des „Everwhen" eröffnet jede Menge weitere mythologische Möglichkeiten.
Stellt euch nur vor, Faye läuft all den Göttern und Monstern über den Weg, die Kratos über die Jahre ins Jenseits befördert hat. So nach dem Motto: „Ach… du bist also die Frau von Kratos?" - wie beim Gang in den Knast, wo jeder sofort weiß, wer man ist.
Das könnte für angenehm erhöhte Spannungen sorgen.
Natürlich will ich hier nichts überhypen oder alles verteidigen, was ein Studio macht oder kommuniziert. Ich fand den Gameplay-Trailer insgesamt angenehm anzusehen, aber es bleibt abzuwarten, ob das Writing stark bleibt und billige Klischees vermeidet.
Der neue Begleiter… Phrank… sieht albern aus, aber ich gebe ihm eine Chance.
Wenn sie solides Kampfgameplay abliefern, die Lore respektieren und Faye eine Geschichte geben, die wirklich etwas bedeutet und nicht nur Lückenfüller ist - dann könnte das ein richtig interessanter Titel werden, der neben Kratos bestehen kann.
Ich meine: Das Studio hat in der Vergangenheit geliefert, oder? Und mit den letzten beiden Spielen waren am Ende doch die meisten ziemlich zufrieden.
Und ob das Ganze jetzt „woke" ist oder nicht? Ehrlich gesagt ist mir das egal. Ich will einfach ein gutes Spiel, das mir Spaß macht.
Wie seht ihr das - freut ihr euch auf Fayes Reise durchs Everwhen, oder hätte es für euch Kratos sein müssen? Schreibt es in die Kommentare. Die Video-Version gibt es drüben auf meinem YouTube-Kanal.