Wenn mir jemand sagen würde, er habe einen Store-Simulator über den Betrieb einer Videothek gemacht, dann wäre meine erste Reaktion vermutlich nicht:
„Wow. Endlich. Die Zukunft des Gamings.“
Und trotzdem funktioniert Retro Rewind erstaunlich gut.
Denn im Kern ist das Spiel zwar ganz klar ein klassischer Store-Simulator, hebt sich aber durch sein Setting angenehm von der Masse ab. Statt den nächsten generischen Laden mit irgendwelchen austauschbaren Waren zu betreiben, steht man hier hinter der Theke einer eigenen Videothek.
Hinter der Theke statt vor dem Regal
In Retro Rewind ist man nicht der Kunde, der sich einen Film ausleiht, sondern der Besitzer des Ladens. Man baut Regale auf, sortiert VHS-Kassetten ein, verleiht Filme, nimmt Rückgaben entgegen, kassiert Gebühren für verspätete Rückgaben und erweitert den Laden Stück für Stück.
Und ja natürlich gehört auch das Zurückspulen der Kassetten dazu.
Allein dieses kleine Detail bringt schon eine gute Portion Nostalgie mit. Wobei man fast sagen muss: Eigentlich fehlt hier noch die passende Strafgebühr für nicht zurückgespulte Tapes, denn genau das kennen viele noch aus der echten Videotheken-Zeit.
Klassischer Store-Simulator mit guten Ideen
Spielerisch erfindet Retro Rewind das Rad nicht neu. Viele der grundlegenden Mechaniken kennt man bereits aus anderen Vertretern des Genres. Regale aufbauen, Waren einsortieren, den Laden optimieren und das Sortiment ausbauen. Das alles ist vertraut.
Der Unterschied liegt eher in den kleinen Entscheidungen, die das Spiel angenehmer machen.
So muss man sich zum Beispiel nicht ständig mit unnötigem Mikromanagement bei Preisen herumschlagen. Auch das Verschieben von Regalen und anderem Mobiliar geht deutlich flüssiger von der Hand als in manch anderem Store-Simulator. Dazu kommt die Möglichkeit, jederzeit manuell zu speichern. Etwas, das man heute fast schon wieder als Komfortfunktion lobend erwähnen muss.
Das Setting trägt das Spiel
Der eigentliche Star von Retro Rewind ist ganz klar die Videotheken-Idee selbst.
Es ist einfach charmant, neue VHS-Filme ins Regal zu stellen, aktuelle Releases mit Pappaufstellern zu bewerben und den Laden langsam mit immer mehr Leben zu füllen. Statt austauschbarer Produkte gibt es hier herrlich absurde Filmtitel, die dem Ganzen Charakter verleihen. Wenn im Regal plötzlich etwas wie The Bodybuilder on the Bridge steht, ist schnell klar, dass das Spiel seinen Humor durchaus verstanden hat.
Zusätzlich können Kunden auch nach Empfehlungen fragen. Wer etwa nach einem schlechten Horrorfilm sucht, kann gezielt beraten werden. Das ist kein riesiges System, gibt dem Spiel aber eine angenehm persönliche Note und sorgt dafür, dass sich der Laden nicht nur wie eine sterile Warenhalle anfühlt.
Entspannt statt hektisch
Ein weiterer Pluspunkt ist das Spieltempo. Retro Rewind ist angenehm gemütlich und versucht nicht ständig, künstlich Stress zu erzeugen. Genau das passt hervorragend zum Thema.
Denn wenn man an klassische Videotheken zurückdenkt, denkt man eher an eine ruhige, entschleunigte Atmosphäre als an panisches Dauerchaos. Genau dieses Gefühl fängt das Spiel überraschend gut ein. Die Mischung aus gemütlichem Ladenalltag, einfachem Fortschrittssystem und klarer Struktur macht das Ganze sehr zugänglich.
Täglich gesammelte XP, neue Filmkategorien und wöchentliche Neuerscheinungen sorgen dafür, dass man trotzdem genug Fortschritt spürt, ohne von Systemen erschlagen zu werden.
Stimmungsvoll präsentiert
Auch audiovisuell weiß Retro Rewind zu gefallen. Besonders im Baumodus sorgt eine leichte Körnung für zusätzlichen Retro-Charme, und der Synthwave-Soundtrack trägt viel zur Atmosphäre bei. Laut Entwicklerangaben wurde der Soundtrack eigens im Studio für das Spiel produziert und das hört man durchaus. Die Musik wirkt nicht billig oder lieblos, sondern unterstützt das nostalgische Gesamtbild spürbar.
Auch kleine Zusätze wie Slushie- und Popcorn-Maschinen runden das Bild ab. Sie wirken zwar eher wie die amerikanische Vorstellung einer Videothek und weniger wie das, was man in Deutschland typischerweise erlebt hat, passen aber trotzdem gut ins Gesamtbild.
Technisch erfreulich sauber
Gerade bei Simulatoren ist ein Punkt inzwischen fast schon erwähnenswert, wenn er positiv ausfällt: die technische Stabilität.
Und hier kann Retro Rewind im Test durchaus punkten. Größere Bugs oder auffällige technische Probleme traten nicht auf. Allein das ist in diesem Genre inzwischen schon fast ein kleines Qualitätsmerkmal.
Fazit
Retro Rewind erfindet das Simulator-Genre nicht neu.
Das muss es aber auch gar nicht.
Denn das Spiel macht genug richtig, nutzt sein ungewöhnliches Setting clever aus und verkauft seine VHS-Nostalgie mit erstaunlich viel Charme. Gerade dadurch hebt es sich von vielen anderen Store-Simulatoren ab, die oft zwar ähnliche Mechaniken bieten, aber deutlich weniger Persönlichkeit besitzen.
Wer mit Videotheken, VHS-Kassetten und dem Flair dieser Zeit etwas anfangen kann, dürfte hier besonders viel Freude haben. Aber auch unabhängig von der Nostalgie bleibt Retro Rewind ein angenehm entspannter, sauber umgesetzter und sympathischer Simulator.
Retro Rewind ist damit vielleicht keine große Neuerfindung aber eine klare Empfehlung für alle, die Cozy-Simulatoren mögen und Lust auf ein Setting mit echter Persönlichkeit haben.